Die moderne Bücherei

1973 oder 1974 war es. Da lernte ich ein Wunderland kennen, das mich auch heute noch anzieht und fasziniert: Die Leihbücherei! Damals war sie noch im ersten Stock eines alten Feuerwehrhauses untergebracht. Es war eng, muffig und vollgerammelt mit Büchern. Nicht das beste Beispiel einer Bücherei, aber dennoch: Ich fand es toll – jede Menge Bücher, die man ansehen konnte! Und auch ausleihen!!! Ich war begeistert.

Ein paar Jahre später war diese Bücherei in neue Räumlichkeiten umgezogen, in den Keller des Rathauses. Dort war deutlich mehr Platz, Luft  und es war weniger „kruschtig“. Dort entdeckte ich dann zwei ein wunderbare Hilfsmittel: Den Katalogschrank und das Sigel, die kryptische Zeichenfolge, die den Buchstandort eines Buches in den Regalen verrät.

Ich ging gern dorthin. Auch wenn es da strenge Regeln gab: Man musste RUHIG sein. Es wurde bitte nur am Tisch der bebrillten Bibliothekarin gesprochen, und auch da nur im Flüsterton. Das war eigentlich kaum notwendig. Denn es wurde meines Wissens in der Bibliothek nicht gearbeitet, wenn man von den Gemeindebuchwarten absah. Keiner saß an einem Tisch und machte Notizen, die er sich in einem Stapel Bücher zusammenblätterte. Es war ein ganz grundsätzliches „Psssst!“. Begeisterte Ausrufe von kleinen Kindern an den Bilderbuchkisten wurden auf einen strengen Blick durch die Brille an der Buchrückgabe von ihren Müttern auf ein für Kinder kaum erträgliches Maß gedämpft. Essen und Trinken musste man nicht verbieten. Daran war gar nicht zu denken.

Noch immer bin ich gern in einer Bücherei. Doch es hat sich allerhand geändert. Vor allem die „Bitte RUHE!“-Schilder wurden ausrangiert. Und vielerorts gibt es Kaffee und sogar Gebäck – in der Bücherei! Es ist ein inzwischen etabliertes Konzept, in öffentlichen Büchereien Cafés zu integrieren. Heute machen Schüler hier Hausaufgaben, auch zusammen, und dabei kann man sich nicht nur mit fliegenden Händen verständigen. Die Leseförderung wird groß geschrieben und das bei Groß und Klein. Man kann zwischen den Regalen ab und zu übernachten und landauf-landab gibt es tolle Kooperationen mit den örtlichen Schulen. Bibliotheksführungen für Schulklassen sind ein wesentlicher Teil der Arbeit.

All dies läuft auf eine sachte aber wichtige Verschiebung des Fokus hinaus: Die Büchereien haben sich gewandelt, weg von still-weihevollen Hort der Bücher hin zum Treffpunkt von Lesern und Buchliebhabern. Das ist gut so. So sind steht nicht mehr das tote Holz im Mittelpunkt sondern der Mensch.

Auch für uns Autoren ist das sehr erfreulich. Viele Büchereien – auch sehr kleine – veranstalten Lesungen. Diese oft eher kleinen Veranstaltungen werden vielfach gut besucht. So werden Büchereien zunehmend attraktiver für die Besucher, die ja auch unsere Leser sind. Was oftmals noch ein Problem darstellt, ist die mangelnde finanzielle Ausstattung der Bibliotheken: Es gibt zu oft keinen Etat für solche Veranstaltungen. So muss aus diversen Töpfen Geld zusammengekratzt werden, um einen Autor wenigstens eine kleine Gage zu bezahlen. Da sollten die entscheidenden Gremien aufgeklärt werden und Nachbesserung tut Not. Denn eine Bücherei zu haben ist sinnlos, wenn sie keine Leser anlockt. Alles was eine Bücherei als Bücherei attraktiv macht, ist darum zu begrüßen und noch gibt es viele Innovationen, Initiativen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die noch unerschlossen und sogar unersonnen sind. Man hat viel erreicht und noch immer genug Luft nach oben.

Wir wünschen uns Bildung und eine Gesellschaft, Kultur nicht nur als die vordere Hälfte des „Kulturbeutel“ kennt. Darum brauchen wir das Lesen in der Mitte unserer Gesellschaft, immer noch, trotz Internet und 24/7-TV. Wir brauchen das Lesen und es muss Spaß machen. Büchereien können da ein ganz wichtiger Transformator sein!

(c) Bild: Pixabayuser Mysticsartdesign, CC0

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