Aus „Joana auf Echo-Hall“

Dann aber kam der Tag, an dem sich das Leben für Joana änderte. Plötzlich sollte sie wegziehen ziehen – aufs Land.
»Ich bin krank. Schlimm krank«, erklärte ihre Mutter ihr. »Ich muss mich operieren lassen. Darum muss ich ins Krankenhaus, und selbst danach muss ich mich noch eine ganze Weile erholen. Ich kann mich da nicht so um dich kümmern, wie ich es möchte. Alleine kann ich dich auch nicht in der Wohnung lassen. Du wirst den Sommer bei Tante Hilda verbringen.«
Joana protestierte, sie weinte sogar ein wenig, doch dieses Mal ließ Mama nicht mit sich handeln.
»Glaub mir! Du wirst es gut haben bei Tante Hilda. Sie ist Hausdame in einem großen Anwesen bei einem vornehmen Mann, Sir Albert. Es wird dir dort gefallen.«
Drei Tage später saß sie allein im Zug. Schon beim Einsteigen wusste Joana genau, dass es ihr dort – ohne Mama und ihre Freundinnen – sicher nicht gefallen würde. Doch es half nichts. Der Zug fuhr unerbittlich weiter. Fort von ihrem Zuhause, in eine unbekannte Zukunft. Nach fast drei Stunden gab ihr der Schaffner Bescheid. Nur noch eine Station und sie würde am Ziel sein. So weit weg. Hier sah nichts aus wie daheim. Schon lange waren sie durch keine Städte mehr gekommen. Sie sah nur Dörfer vor dem Fenster oder Wiesen und Wald.
Als der Zug hielt, kletterte sie auf den leeren Bahnsteig. »Klapp« machte die Tür, es zischte und der Zug fuhr weiter. So stand Joana da mit ihrem Koffer und kam sich sehr verloren vor. Auf dem Bahnhofsvorplatz war es nicht besser. Auch hier war niemand. Dass in dieser Gegend Menschen wohnten, ließ nur ein Kirchturm hinter einem grünen Hügel erahnen. Joana begann sich zu fragen, ob sie falsch ausgestiegen war, doch der Name auf dem Stationsschild stimmte. Was war nur schief gelaufen? Mama hatte aufgeschrieben, dass ein Taxi am Bahnhof auf sie warten würde, doch es war keines da. Während sie noch überlegte, was sie nun tun könnte, fuhr ein großes schwarzes Auto vor. Es hatte ein Taxischild auf dem Dach.
So kam Joana Martin an einem Sonntag im Mai nach Echo-Hall. So hieß das Anwesen hinter dem kleinen Dörfchen und genau das – »Echo-Hall« – war auch auf dem großen Eisentor in der Gartenmauer zu lesen. Noch eine ganze Weile fuhr ihr Wagen auf einem Kiesweg durch einen großen Park voller efeuüberwucherter Bäume und verfilztem Gestrüpp. Dann endlich öffnete sich die Aussicht auf ein gepflegtes Stück Rasen. Darin erhob sich das große Haus.
Man hätte es als Schloss bezeichnen können. Doch man nannte man es in der Gegend – meist leise und hinter vor-gehaltener Hand – »das große Haus«, wenn man es überhaupt erwähnte, denn man sprach nur ungern vom großen Haus. Man hielt es für seltsam und der Hausherr war nicht beliebt. Doch das wusste Joana natürlich nicht.
Das Haus war alt, mit vielen Kaminen, Türmchen und so vielen hellgrünen Blechdächern, dass es so aussah, als hätten gleich mehrere verrückte Architekten auf ein und demselben Fleck jeder ein Schlösschen stellen wollen und sie ineinander stecken müssen.
Das Auto hielt vor einer großen Treppe unter einer hohen Tür und ließ Joana aussteigen. Ganz allein stieg sie mit ihrem Köfferchen hinauf. Einen Klingelknopf gab es nicht, nur einen grimmigen Löwenkopf als Türklopfer. Sollte sie es damit versuchen? Sie sah sich ratlos um. Hinter ihr fuhr der Wagen den gekiesten Weg zurück. Joana holte tief Luft, fasste sich ein Herz und wollte gerade klopfen, da ging die Tür auf und sie stand vor einer dürren Frau in einem langen, dunklen Kleid.
»Willkommen auf Echo-Hall, Joana!«

Das ist der Anfang meines ersten Jugendbuches „Joana auf Echo-Hall“. Ein spannendes und im wahrsten Sinne fantastisches Abenteuer und eine Reise in die Kunstgeschichte, für Menschen ab 10.

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