Aus „der Tote am Kirchturm“

Wimmer legte ein Päckchen Salbeipastillen auf den Ladentisch.

»Die hätt‘ ich gern, und dann brauch ich noch was anderes.«

»Was möchten sie denn gerne haben, Herr Wimmer?«

»Wissens, mir ham doch so einen Gartenschuppen. Und ich glaub, da hat sich a Ratz drin eing’richt. Der Ratz, der soll dran glauben. Mein Vater hat bei Ihrem Schwiegervater damals immer a weng Zyankali oder Blausäurezeugs g’kauft. Des hat damals prima geholfen. Was meinens denn, wieviel werd ich da brauchen?

Die Augen des Apothekers wurden, während Wimmer vom Ratz erzählte, immer größer und runder.

»Ja um Himmels willen, Herr Wimmer!«, rief er aus, als Wimmer geendet hatte. »Zyankali? Wissen Sie, wie gefährlich das ist?«

»Ja freilich! Den Ratz, den solls ja auch gleich richtig derwischen.«

»Für solche Probleme bekommen sie doch Fallen. Die kosten nicht viel und sind genauso tödlich. Nehmens doch bitte eine Falle und kein Gift.«

»Ha! Sie kennen den Ratz bei uns nicht. Meinens denn, wir hätten das mit der Falle nicht schon versucht? Da lacht der Ratz nur dreckad. Der is zu schlau. Erst löst er die Falle aus, dann frisst er den Köder. – Naaa, ich will an Zyankali. Bei meim Vattern hat des super funktioniert.« »Aber – Herr Wimmer, ich darf Ihnen doch gar kein Kaliumcyanid verkaufen.«

»Macht ja nix, ich will ja eh a Zyankali.«

»Das ist doch dasselbe. Wir nennen es nur anders. Die Fernsehspione sagen Zyankali, die Apotheker sagen Kaliumcyanid oder manchmal auch blausaures Kalium.«

»Und des dürfens mir nicht verkaufen? Aber mei Vattern hat damals …« »Herr Wimmer, das muss aber schon recht lang her sein. Wissen sie, früher, da hat man manches lockerer gesehen. Jetzt brauchen sie auf jeden Fall einen Giftschein, sie müssen ein Giftbuch führen, alles genau protokollieren und sie müssen den Zweck deklarieren – und zwar einen besseren als eine renitente Ratte! Wissen sie eigentlich, was für ein Teufelszeug sie da verlangen? Das ist ein hochpotentes Gift! Es kann über die Haut aufgenommen werden, über die Lungen und jede Schleimhaut, selbst eine winzige Dosis ist hochgefährlich. Sie können mit Ihrem Nager ganz leicht sich selbst und gleich die halbe Nachbarschaft vergiften. Von den Schäden, die das Zeug in der Umwelt anrichten kann, will ich gar nicht reden.«

Wimmer war zwar beeindruckt, zeigte es aber mit keiner Miene.»Sie können es mir also nicht verkaufen?«, fragte er und klang leicht begriffsstutzig.

Fink seufzte und ballte seine Hände zu Fäusten. Dann entspannte er sich und antwortete mit viel Geduld: »Nein. Ich kann es ihnen nicht verkaufen, weil ich es gar nicht dahabe. Kein normaler Mensch braucht so ein potentes Gift! Ich könnte es Ihnen zwar besorgen. Doch selbst, wenn ich es wollte: Das darf ich gar nicht, weil Sie es gar nicht erwerben dürfen. Außerdem ist es für Ihre Zwecke auch völlig ungeeignet. Sie sollten es noch einmal mit Fallen versuchen oder sie fragen im Gartenmarkt nach einem frei verkäuflichen Gift-Präparat gegen Nager, wenn sie zu Fallen kein Vertrauen haben.«

»Ach den Krampf, den was man da kaufen kann! Das Zeug taugt doch alles nix.« »Dann rufen sie sich halt einen Schädlingsbekämpfer, die haben andere Mittel.«

»Ham die auch a Zyankaliblaues Dingszeug?«

»Nein! Soweit ich weiß, nehmen die das schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und zwar aus gutem Grund.«

»Aha. Hm. Und kann ich mir das selber herstellen?«

»Herr Wimmer!« Der Apotheker lief rot an. »Vergessen sie einfach Zyankali, Blausäure und jede andere Art von Gift. Mit einer entsprechenden Ausbildung kann man solche Stoffe zwar herstellen, aber sie können es nicht. Ich werde Ihnen sicher nicht verraten, wie es geht. Und selbst, wenn sie wissen, was sie brauchen und wissen, wie sie es machen müssen, können sie es noch immer nicht. Man braucht auch ein Labor. Am Küchenherd kommt man da nicht weit. Bitte hören sie auf mich. Denken sie gar nicht dran. Wenn sie es wirklich versuchen, dann bringen sie viel eher sich um als Ihr Ratzenviech!«

»Na, wenns meinen …«, brummte Wimmer, dann erlöste er den Apotheker, bezahlte seine Pastillen und ging. …

Mein Hobbydetektiv, Metzgermeister Ludwig Wimmer, will wissen, wie schwer es wohl ist, an Cyankali zu kommen. So beschließt er, den Apotheker ausfragen. Aber so, dass der nicht ahnt, dass Wimmer in einem Giftmord ermittelt … ganz unauffällig, sozusagen.

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